Anwälte für Schmerzensgeld in Bremen

Geburtsschaden

Die Pflege eines schwerstgeschädigten Kindes ist eine Lebensaufgabe für Eltern. Eltern müssen sich beruflich einschränken; oft ist es notwendig, dass ein Elternteil den Beruf aufgibt. Bei solchen schweren Fällen mache ich Hausbesuche, fertige Fotos an und nehme als Spezialist die gesamte Situation auf. Dadurch entstehen Ihnen keine Kosten.

Geburtsschadensrecht: Zehn Fragestellungen zum Thema Geburtsschaden / Geburtsschäden

Die Geburtshilfe ist das haftungsträchtigste Gebiet der Medizin.

Prinzipiell gilt bei der Missachtung des fachärztlichen Standards (§ 630a Abs. 2 BGB) während des Geburtsvorgangs, davor oder danach, nichts anderes als bei Fehlbehandlungen gegenüber Erwachsenen. Die Möglichkeiten des Vorgehens bei Behandlungsfehlern,Aufklärungsfehlern, die  Schadensersatzansprüche, die Ansprüche auf Schmerzensgeld habe ich in den entsprechenden Artikeln meines Lexikons zum Arzthaftungsrecht dargestellt . Das Lexikon finden Sie hier: Lexikon der Patientenrechte - Patientenlexikon. Dort finden sich auch die hier erwähnten Begriffe Beweislastumkehr und Behandlungsfehler (auch grober) ausführlich kommentiert. Außerdem finden sich eine Übersicht über die Handlungsmöglichkeiten unter:  Arzthaftung.

Hier ergänzend die zehn wichtigsten Themen speziell zum Geburtsschadensrecht:

1. Der vorzeitige Blasensprung ist ein Notfall, wenn er vor dem Einsetzen der Wehen erfolgt. Er birgt das Risiko von Nabelschnurkomplikationen und Infektionen. Er erfordert eine sofortige Einweisung in die Klinik und ständige ärztliche Überwachung und engmaschige Kontrolle. Nach Ablauf von 24 Stunden seit dem Blasensprung ist entweder eine medikamentöse Geburtseinleitung oder eine antibiotische Abschirmung vorzunehmen, ansonsten sind die Kontrollmaßnahmen über den üblichen Standard hinaus zu intensivieren. Wird die nach einem vorzeitigen Blasensprung in der 36. Schwangerschaftswoche gebotene Kaiserschnittentbindung hinausgezögert, so liegt ein grober Behandlungsfehler vor, der dem Arzt die Beweislast für das Fehlen der Schadensursächlichkeit auferlegt (Beweislastumkehr bei groben  Behandlungsfehlern, § 630h Abs. 5 BGB).

2. Der Herztonwehenschreiber - Kardiotokograph (CTG) zeichnet die Herztöne des ungeborenen Kindes und parallel dazu die Wehen der Mutter auf. Besonders die Auswertung dieses Diagramms zeigt, ob das Kind gesund ist oder aber sich in einer Notlage befindet und damit auch, ob ein Notfallkaiserschnitt erforderlich ist. In einem Prozess kann ein gerichtlicher Sachverständiger anhand der Kardiotokographie­aufzeichnungen rekonstruieren, ob und ab welchem Zeitpunkt die Notlage von Arzt oder Hebamme hätte erkannt werden müssen und daraufhin weitere Maßnahmen, insbesondere eine Notfallkaiserschnitt hätte vorgenommen werden müssen. Diese Aufzeichnungen müssen im Schadensfall unbedingt gesichert werden!

3. Die Erstversorgung des Neugeborenen fordert, dass das neugeborene Kind in den ersten 20 Minuten nach der Geburt überwacht werden muss. Für den Notfall hat der Krankenhausträger ausreichende organisatorische Vorkehrungen (siehe unter: Organisationsverschulden) zu treffen, insbesondere ist sicherzustellen, dass beim Auftreten von Atemnot ein kompetenter und erfahrener Arzt hinzugezogen wird.

Wenn das Pflegepersonal eines Belegkrankenhauses bei einer nach mehreren Stunden nach der Geburt auftretenden bläulichen Verfärbung von Gesicht und Händen des Neugeborenen nicht unverzüglich einen Arzt hinzuzieht, liegt ein grobes Fehlverhalten vor (§ 630h Abs. 5 BGB). Es liegt gleichfalls ein grober  Behandlungsfehler (§ 630h Abs. 5 BGB) vor, wenn die Temperatur eines Frühchens (siehe dort) nicht ausreichend überwacht wird und es deshalb zu einer andauernden Unterkühlung kommt, die möglicherweise zu einer Hirnblutung geführt hat. Weitere Voraussetzung ist, dass die Unterkühlung generell geeignet war, eine Hirnblutung hervorzurufen (Beweislastumkehr bei groben  Behandlungsfehlern, § 630h Abs. 5 BGB).

4. Die Frühgeburt ausnehmend unreifer Frühgeborener muss durch geeignete Maßnahmen verhindert werden.
Wenn die Frühgeburt nicht verhindert werden kann, gilt: Die wichtigste Voraussetzung um den Tod oder die lebenslange Behinderung Frühgeborener zu vermeiden, stellt die Geburt in einem Perinatalzentrum dar (Perinatalzentrum/ griechisch perí = nahe bei und lateinisch natalis = die Geburt betreffend). Es stellt einen schwerwiegenden Fehler dar, wenn die Lungenreife bei drohender Frühstgeburt nicht durch die Gabe von Cortison beschleunigt wird. Die Lungenreife ist für Frühchen überlebensentscheidend.

5. Die Hebamme ist in der Lage eine Geburt ohne Komplikationen selbständig, ohne den Beistand eines Arztes durchzuführen. Die Hebamme darf bei Normalgeburten bestimmte diagnostische und therapeutische Maßnahmen vornehmen. Unterläuft ihr hierbei ein Fehler, kann sie genauso wie ein Arzt haftbar gemacht werden. Sobald Anzeichen für Komplikationen zu erkennen sind, muss die Hebamme einen Arzt herbeiholen. Unterlässt sie das, steht sie in der Haftung. Auch eine parallele Haftung von Arzt und Hebamme kommt vor; manchmal ist zusätzlich der Krankenschwester oder einem Krankenpfleger ein Fehlverhalten vorwerfbar.

6. Die hirnorganische Schädigung durch eine Fehlbehandlung während der Geburt (etwa durch Komplikationen mit der Nabelschnur und des dadurch ausgelösten Sauerstoffmangels) ist das größte Unglück für Kind und Eltern. Eine solche Schädigung kann lebenslanges Leid bedeuten. Schwerste Hirnschädigungen degradieren ein Kind nicht nur zum Pflegefall; sie können durch den Fortfall der Empfindungsfähigkeit die Persönlichkeit zerstören. Zur Entschädigung dieser schwersten Schäden informiert mein Artikel: Schmerzensgeld für Geburtsschäden und hirnorganische Schädigungen. Die grundlegende Entscheidung des Bundesgerichtshofs können Sie hier einsehen: BGH v. 13.10.1992, Az.: VI ZR 201/91.

7. Der Kaiserschnitt, auch sectio genannt (sectio = lat. Schnitt) kommt bei einer normalen Entbindungssituation nicht in Betracht, da sie nicht indiziert ist. Deshalb ist er erst dann eine Alternative zur vaginalen Geburt, wenn für das Kind ernstzunehmende Gefahren drohen und deshalb im Interesse des Kindes gewichtige Gründe für eine Schnittentbindung sprechen (etwa: Beckenendlage, abgeklemmte Nabelschnur). Der Bundesgerichtshof (BGH) sagt: Die Mutter muss die grundlegende Entscheidung treffen, ob sie selbst das Risiko einer Schnittentbindung auf sich nimmt oder ob das Verletzungsrisiko beim Kind bleiben soll. Die Mutter ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs die „natürliche Sachwalterin der Belange des Kindes“.

Da die Entscheidung außerordentlich schwer ist, gebietet das Selbstbestim­mungsrecht eine umfassende  Aufklärung über das Für und Wider (§ 630d BGB, § 630e BGB) von vaginaler- und Schnittgeburt. Das Recht jeder Frau, selbst darüber bestimmen zu dürfen, muss möglichst umfassend gewährleistet werden. Der Bundesgerichtshof fordert: Die werdende Mutter darf während des Geburtsvorgangs aber auch nicht ohne Grund mit Hinweisen über die unterschiedlichen Gefahren und Risiken der verschiedenen Entbindungsmethoden belastet werden, und es sollen ihr nicht Entscheidungen für eine dieser Methoden abverlangt werden, solange es noch ganz ungewiss ist, ob eine solche Entscheidung überhaupt getroffen werden muss. Darüber hinaus muss jede Aufklärung auch einen konkreten Gehalt haben; ein Aufklärungsgespräch auf so unsicherer Grundlage müsste weitgehend theoretisch bleiben. Die  Aufklärung muss aber trotzdem so rechtzeitig wie möglich erfolgen. Wenn sich deutliche Anzeichen dafür entwickeln, dass sich der Geburtsvorgang in die Richtung auf die Entscheidungssituation hin entwickeln kann, in der eine Schnittentbindung notwendig oder zu einer echten Alternative zur vaginalen Entbindung wird, muss sofort aufgeklärt werden. Dies gilt umso mehr, wenn die Mutter – etwa wegen der schleppend verlaufenden Geburt – nach einer Schnittgeburt verlangt hat. Anzeichen für eine Risikogeburt können sich beispielsweise aus Veränderungen der Herzfrequenz des Kindes ergeben (siehe oben unter: CTG). Zwischen dem Entschluss zur Notsectio und deren Durchführung soll möglichst wenig Zeit vergehen; keinesfalls sollte es länger als zwanzig Minuten dauern.

8. Das Organisationsverschulden führt zur Haftung. Organisationspflichten des Krankenhausträgers ergeben sich beispielsweise in Bezug auf Personal, Apparate, Aufsicht und Überwachung des Personals. Beispiele für Organisationsverschulden während der Geburt sind: Wenn eine CTG-Überwachung (siehe dort) durch eine geburtshilflich nicht qualifizierte Nachtschwester und die CTG-Auswertung durch eine Hebamme erfolgt. Ein Organisationsfehler ist ebenso zu bejahen, wenn eine Hebamme bei einer Risikogeburt mit einer Schulterdystokie (siehe dort) die Geburtsleitung übernimmt. Der Krankenhausträger haftet für Geburtsschäden eines Kindes, wenn er keine hinreichende organisatorische Vorsorge dafür getroffen hat, dass bei jeder Entbindung ein Arzt anwesend ist oder jedenfalls auf ein Rufzeichen der Hebamme sofort eintrifft, um die Diagnose zu sichern und notwendige ärztliche Maßnahmen zu ergreifen. Ein Krankenhaus muss sicherstellen, dass spätestens fünfzehn Minuten nach der notfallmäßigen Aufnahme einer Schwangeren mit Blutungen und Schmerzen im Unterbauch eine Untersuchung stattfindet und Behandlungs­maßnahmen eingeleitet werden und dass eine erforderliche sofortige Schnittentbindung innerhalb von zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten nach Indikationsstellung durchgeführt wird.

9. Die Schulterdystokie ist eine schwerwiegende Geburtschädigung: Während der Geburtsphase bleibt eine Schulter über der Schambeinfuge hängen. Als Folge kann das Armnervengeflecht verletzt werden. Das führt zu einer Störung der Armbewegung und -sensibilität unterschiedlicher Ausprägung. Je nach Anzahl der beteiligten Nervenwurzeln und der Schwere der Schädigung ist die Ausprägung der Lähmung umfangreich und lang anhaltend. Bei schweren Verletzungen kommt es zu einer dauerhaften Einschränkung der Beweglichkeit des Armes, zu bleibenden Sensibilitätsstörungen, zu einem veränderten Wachstum der Extremität und zu einer eingeschränkten Gebrauchsfähigkeit mit sekundären psychosozialen Folgen.

Es gibt verschiedene umstrittene Manöver, das Kind schnellstmöglich herauszuziehen, um Verletzungen zu vermeiden. Aber auch hierbei können Fehler unterlaufen, wenn etwa das falsche Manöver angewandt wird oder der Arzt am Kopf des Kindes zieht. Der Gefahr einer Schulterdystokie kann man mit einem Kaiserschnitt entgegenwirken. Da auch ein Kaiserschnitt nicht ungefährlich ist, müssen die Risiken abgewogen werden. Wenn Risikofaktoren vorliegen (beispielsweise: sehr schweres großes Kind = über 4000 Gramm, eine vorangegangene Schultersystokie bei einer früheren Geburt, Übergewicht und Diabetes bei der Mutter) muss aufgeklärt werden ( Aufklärung). Siehe auch oben unter: Kaiserschnitt.

10. Die Verjährung stellt im Sinne des Rechtsfriedens sicher, dass ein Anspruch nicht für alle Ewigkeit verfolgt werden kann. Die dreijährige Regelverjährung (§ 195 BGB) beginnt frühzeitig an dem Schluss des Jahres an dem das Kind (oder die Eltern) Kenntnis von dem Behandlungsfehler erhalten (§ 199 BGB). Das birgt Risiken. Diese habe ich in eine gesonderten Artikel ausführlich beschrieben, siehe: „Verjährungsfallen im Arzthaftungsrecht. Die Verjährung in medizinrechtlichen Fällen birgt viele Fallstricke“. In jedem Fall gilt: Wenn  Verjährung droht, müssen unverzüglich Mittel ergriffen werden, um sie zu hemmen (§§ 203, 204 BGB), da ansonsten der Eintritt der Verjährung die Geltendmachung der Ansprüche für immer ausschließt. Dieser Fall ist bei Geburtsschäden dramatisch.

Dr. Dr. Lovis Wambach, Fanchanwalt für Medizinrecht und Arzthaftungsrecht in Bremen